Pressebericht 2000 (3)
Südwind entfacht Orkan-Applaus
EHINGEN. (K. Ef.) Stürmischen Applaus löste das als "Südwind" angekündigte Blasorchester regionaler Musiker am Montagabend in der Lindenhalle aus. Unter der Leitung des niederländischen Militärkapellmeisters Pierre Kuijpers beeindruckten die versierten Musiker nach einer Ouvertüre von Franz Schubert mit anspruchsvollen, teilweise ganz neuen Blasmusikkompositionen.
Manches bekannte Gesicht sah man, als das Blasorchester die Bühne der Lindenhalle betrat. Studierte Musiker der Region taten sich unter dem nur scheinbar auf ein meteorologisches Phänomen bezogenen Titel zusammen, um zwischendurch, statt sich als Musiklehrer oder Stadtkapellendirigent zu plagen, als Orchester dem eigenen Niveau entsprechende Musik zu präsentieren. "Südwind" bedeutet in diesem Fall nicht eine aus Norditalien kommende Luftströmung" sondern eine leistungsfähige Gruppierung im Süden der Republik beheimatete Bläser (englisch "winds").
Als taugliches Einspielstück erwies sich Franz Schuberts Rosamunde-Ouvertüre, bei der Oboist Peter David erstmals sein solistisches Können entfaltete. Weitere Holzbläser übernahmen in dem sorgfältig ausgearbeiteten Arrangement den Streicherpart. Etwas rau übertönte die einzige Tuba den davor aufgestellten Kontrabass. Dieser allein hätte -etwas stärker gestrichen - vermutlich genügt, um die schöne Harmonie nach unten abzurunden.
Ob es Sinn macht, zur Betitelung einer dreisätzigen Komposition der Folge "schnell-langsam-schnell" den zur Bezeichnung von Flügelaltären üblichen griechischen Begriff "Triptychon", italienisch "trittico", zu bemühen, bleibt das Geheimnis des tschechischen Komponisten Vaclav Nelhylbels. Vor 37 Jahren entstand diese Kompositionen und wurde damals in den USA von einem Universitäts-blasorchester uraufqeführt. Gotische Frömmigkeit schlich sich bei dreifacher - und berechtigter - Tubabesetzung nicht ein. Klarer Duktus und Präzision der Läufe bestachen im ersten Satz. Der zweite gab sich bass- und paukenbetont, im dritten erfolgte eine enorme, von konzentrierter Virtuosität getragene dynamische Verdichtung bis zum eher trockenen Verklang.
Die sechste Suite – erholsam
Dagegen nahm sich Alfred Reeds 30 Jahre später komponierte sechste Suite für Blasorchester eher erholsam aus. Duftig kam zu Beginn der transparent registrierte Miniaturmarsch daher. impressionistische Wärme verströmte "Summer Stroll" mit einem unbeschwert zu genießenden Oboensolo. Schalkhafte Schlagwerkeffekte bereicherten den trotzdem lyrischen Satz "Halloween Hobglobin". Ekstatisch aufgeladen brachte "Japanese Dance" den erwarteten Schlusseffekt.
Ein swingendes Alt-Saxophon bestimmte die leicht dekadente Grund-Stimmung in Frank Tichelis "Vesuvius". Die Komposition war gekennzeichnet durch saubere Gestaltung solistisch angespielter und in Registern ausgeweiteter Passagen sowie eine orgiastische Verdichtung.
Kees Vlaks "West Coast Concerto" gab der Pianistin Evelyne Kamp Gelegenheit, eine fulminanten Kadenz ,hinzulegen'. Dem Blasorchester ermöglichte der niederländische Blasmusikkomponist mit dem - Gershwins Bluesmelodik imitierenden - Klangrausch die Vermittlung eines anrührenden Hörlebnisses.
Einen Höhepunkt setzten Dirigent und Orchester mit Adam Gorbs "Yiddish Dances" Von gestopfter Trompete und Posaune konterkariert ließ Robert Stolz auf der scharf angeblasenen Es-Klarinette jiddische Ironie ertönen. Das ging ans Gemüt.
Der intensive Beifall veranlasste die Musiker und den sichtlich erfreuten Dirigenten zu dreimaliger Zugabe, darunter das Finale zu Bill Whelans River Dance".
Kurt Efinger


