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Pressebericht 2007 (2)

SÜDWEST PRESSE - Ehinger Tagblatt, Montag 12.03.2007

KONZERT / Orchester "Südwind" in der Lindenhalle
Dirigent Thomas Doss verlangt Musikern und Publikum einiges ab

Suche nach dem Inneren
CHRISTINA MAYER, EHINGEN

Expressiv und nicht gerade ohrengängig präsentierte sich das Blasorchester "Südwind" in seinem diesjährigen Konzert. Der Dirigent und Komponist Thomas Doss drückte dem Abend einen sehr markanten Stempel auf und ließ die Musiker unter anderem singen.
Stürmische Zeiten in der Ehinger Lindenhalle. Das Blasorchester "Südwind" ließ bei seinem Auftritt in der gut gefüllten Lindenhalle Windböen über die Zuschauerreihen fegen und schuf naturhafte Klanggebilde, die mit gängiger Blasmusik nichts mehr zu tun hatten. Aber genau das ist die Absicht der etwa 60 Musiklehrer, Dirigenten und Laien, die sich jedes Jahr durch neue Dirigentenpersönlichkeiten herausfordern lassen. Sie wollen neben dem in Vereinen oft angesagten Mainstream spielen. Denn Gängiges haben die Orchesterleiter mit ihren eigenen Orchestern oft genug.
Dieses Jahr luden sie sich den Österreicher Thomas Doss ein, der zugleich Dirigent und Komponist ist. Als Professor für Dirigieren am Konservatorium in Wien wirkt er als Pädagoge, Juror und Dirigent.
"Es war anstrengend mit ihm", meinten die Musiker in der Konzertpause. Das Zuhören war nicht weniger anstrengend und forderte vom Publikum eine große Bereitwilligkeit, sich auf Klangstrukturen einzulassen. Manchem ging die Forderung allerdings zu weit. "Dees isch net unsre Musik", raunte in der zweiten Reihe eine Frau ihrem Mann schon nach dem ersten Stück zu. Der widersprach nicht, hatte aber mit seinem Kommen trotzdem Gutes bewirkt. Denn zwei Euro jeder Eintrittskarte gingen an Hilfsprojekte. Auch der Lions-Club greift "Südwind" unter die Flügel, wie Ulrich Zimmermann in seiner Ansprache kurz betonte.
Thomas Doss eröffnete den Abend mit der sechsminütigen Komposition "Awayday" von Adam Gorb. In einem kurzen, prägnanten Sonatensatz beschrieb der 1958 geborene Engländer großstädtische Hektik, die in die Heiterkeit eines ausgelassenen Wochenendes mündet. Aus der Großstadt in die Natur lockte das Orchester mit Eric Whitacres Stück "Cloudburst". Alles schien in dem lautmalerischen Stück im Fluss. Wolken rissen auf, Regengüsse prasselten herunter und Wasseroberflächen glitzerten.
Thomas Doss forderte die Zuhörer bei einem Platzregen zum Mitschnippen auf und es klang tatsächlich wie Regentropfen auf dem Dach einer Mansardenwohnung. Bereits in dieser Komposition wurde deutlich, was zu dem Markenzeichen des Komponisten gehört: Doss lässt die Musiker singen. Das tun sie zwar nicht so sehr gerne, aber als Akzent zu den Instrumenten war der gehauchte Gesang auf einem Ton ein großer Genuss.
Auch zu der Komposition "Conatus" - das ist Lateinisch und heißt übersetzt Drang, Streben - passten die menschlichen Stimmen. Denn Doss ging es darin "um die Suche nach dem Inneren", wie er erklärte. Das mitspielende Cello, das die seelische Kraft verkörperte (Solist: Alexej Grauberger), hatte gegen die Macht der Bläsertutti zunächst keine Chance. Posaunen und Schlagwerk prügelten das Zartbesaitete regelrecht nieder. Aggression zeigte sich in einem anschwellenden Geräuschpegel, in Glissandi und einem Großaufgebot am Schlagwerk. Blech und Schlagzeug vollführten einen kontrollierten Krawall, der urplötzlich von minimalistischen Sequenzen unterbrochen wurde. Auch das Cello bekam seinen Platz zum Atmen. Sehr schön war der letzte Moment des Stückes, in dem Instrumente und Musiker im gemeinsamen Ausatmen Luft ablassen und Seele loslassen durften.
Thomas Doss komponierte auch seine Stücke Sidus (Gestirn, Stern) und Solaris (zur Sonne gehörig) entlang naturhafter Erscheinungen wie Sonnenaufgang, Stille und Dunkelheit. Zischlaute imitierten die Meeresbrandung, man musste sich allerdings sehr konzentrieren, um die Walgesänge heraus zu hören.
Thomas Doss beschwor innere Stimmen. In seinen Werken hörten die Ehinger eine rumpelnde Seele, die auch schreit und kraftvoll alles niederwalzt. Zartbesaitete gingen da schon etwas verdutzt heim.